Die erste Biennale für Exlibris und Kleingraphik veranstaltet vom Collegium Europaeum in Gniezno (Polen)

... besondere Erfahrungen auf den - trotz allem - schönen Schlängelpfade eines Exlibriswettbewerbs

Luc Van den Briele

 

        Luc Van den Briele wurde zu Anfang 2005 eingeladen als Jurymitglied am Wettbewerb Europe in Signs, veranstaltet durch das Collegium Europaeum in Gniezno (Polen). Das nicht all zu deutliche Reglement liess Exlibris wie auch Kleingraphik zu, es enthielt ein paar positive Punkte, aber man plante auch einen Preis für ein Pseudo‑Exlibris (gemeint für einen zukünftigen Kongress). In seiner Antwort an den Veranstaltern schrieb er, er würde gerne am Wettbewerb mitarbeiten, weil er glaube an den positiven Einfluss von (guten) Wettbewerben und weil er sie für wichtig halte für die Zukunft der Exlibriskunst, doch er könne seine Mitarbeit nur zusagen wenn der Preis für das Pseudo‑Exlibris herausgeholt werde. Die Veranstalter gaben ihren Fehler zu, strichen den Preis für das Pseudo‑Exlibris und baten ihn gleich ob er Vorsitzender der Jury sein wollte. Ihre Frage wurde positiv beantwortet. Auch der Türke Hasip Pektas und ein Lehrer der Kunstakademie von Poznan würden teil der Jury sein.

 

        Nach Ankunft der beiden ausländischen Jurymitglieder wurde deutlich, dass nicht ein sondern vier polnische Jurymitglieder da waren und dass sie schon eine Vorauswahl der eingesendeten Werke vorgenommen hatten. Am Samstag, dem 21. Mai, fingen die zwei ausländischen Jurymitglieder alleine mit ihrer Vorauswahl an, denn die polnischen Mitglieder würden erst später ankommen. Das schon im Voraus selektierte Werk war nicht sehr begeisternd. Es fiel den beiden ausländischen Jurymitgliedern auf, dass nur wenige Werke von international bekannten Exlibriskünstlern auf dem Tisch lagen. Jene Künstler ‑ mit Werken von Spitzenqualität ‑ fanden sie jedoch unter den von den Polen abgelehnten Einsendungen und wurden jetzt von den beiden ausländischen Jurymit-gliedern selektiert. Nach Ankunft der polnischen Jurymitglieder wurde beratschlagt über den weiteren Verlauf. Hasip Pektas bemerkte auch es wären fünf oder sieben statt sechs Jurymitglieder nötig. Sein Vorschlag, dem Vorsitzenden zwei Stimmen zu verleihen, wurde angenommen.

 

        Der Vorsitzende hielt es für nützlich, vor der Selektion der Jury, Teile aus dem Reglement vor zu lesen und vor allem darauf hinzudeuten welche Textelemente nicht fehlen durften. Zuerst suchte man die besten Exlibris heraus, die auf Namen des Collegium Europaeum Gnesnense und der Adam Miskiewicz University gemacht wurden; von den beiden Serien dieser Bibliotheksexlibris hatten etwa zehn Einsendungen die Wahl überlebt. In der ersteren Gruppe machte die Einsendung von Juri Borovitsky den besten Eindruck und ohne nennenswerte Diskussion erhielt er den hierfür geplanten Preis. In der zweiten Gruppe wurde man es einig über eine gelungene Komposition von Martin R. Baeyens. ‑ Dann fing die Suche an nach den Siegern der allgemeinen Preise. Aus der Auswahl der polnischen Jurymit-gliedern wurde deutlich dass sie eine Vorliebe hatten für Kleingraphik und dass sie die Exlibris während ihrer ersten Runde offenbar nur aus einem allgemein graphischen Standpunkt aus betrachtet hatten. Es könnten Probleme entstehen beim Zuweisen der Preise. Sollten die Preise für Kleingraphik oder für Exlibris sein? Die Veranstalter, die inzwischen auch im Jurylokal waren eingetroffen, erinnerten zum Glück daran, dass die Idee des Wettbewerbs zu Anfang als Exlibriswettbewerb gemeint war, und dass die Kleingraphik deshalb nicht dominieren konnte. Sie schlugen vor, zwei Preise einem Exlibris zu verleihen und einen Preis einer Kleingraphik. Der Vorsitzende fügte dann hinzu, der erste und dritte Preis solle für ein Exlibris sein, und der zweite Preis würde dem Einsender der besten Kleingraphik zugewiesen werden. Jedes Mitglied der Jury konnte seine Wahl verteidigen und mit Mehrheit der Stimmen war der erste Preis für den Polen Marek Basiul, kein unbekannter auf dem Exlibrisgebiet, denn er wurde schon in Ankara selektiert und bekam beim Wettbewerb des internationalen Exlibriszentrums von Sint‑Niklaas eine ehrenvolle Erwähnung. Das gekrönte Exlibris ist eine feine Kombination von Linolschnitt und Blinddruck über die von David belauerte Batseba.

 

        Aus den Diskussionen über den dritten Preis wurde aufs neue deutlich wie sehr die polnischen Jurymitglieder nur die äusseren Aspekte betrachten und nicht das geringste Interesse haben für den Inhalt der Exlibrisillu-stration oder für das Zusammenspiel zwischen Text und Illustration, die für ein Exlibris so wichtig ist. Schliesslich entschloss die Jury sich für die (neulich auch in Sint‑Niklaas gekrönte) weiss‑russische Künstlerin Anna Tichonova. Die Illustration auf dem gekrönten Exlibris (Siehe S. 132 des vorigen Boekmerk‑Heftes) stützt sich auf das Gedicht Switezianka des polnischen Dichters Adam Mickiewicz.

 

        Während den Diskussionen über den zweiten Preis kam die Akademie von Poznan hervor als ein Fahnenträger einer gewissen minimal art, die die in Exlibris so wichtige illustrative Symbolik als altmodische Nonsense abweist. Die ab und zu etwas heftige Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Art von aktuellen Kunst hatte schliesslich einen positiven Effekt. Ein paar polnische Jurymitglieder befürchteten allmählich, dass ihre karge Kleingraphik ziemlich blass versank neben dem illustrativen Reichtum einiger selektierten Exlibris und man fing an die Kleingraphik von Vladimir Zuev näher zu betrachten. Sein in Exlibriskreisen längst bekannter und geschätzter Stil gelang es die Tür einiger polnischer Juryherzen zu öffnen und schliesslich erhielt er mit Mehrheit der Stimmen den zweiten Preis mit seiner Gravüre.

 

        In den nächsten Gesprächen über die ehrenvollen Erwähnungen, wurde vor allem das Werk der Schweizerin Carla Neis besprochen. Für verschiedene Wettbewerbe schickt sie Variationen desselben Exlibris ein, ein Triptychon mit Texten des schwei-zerischen Schriftstellers und Philosophen Heisaberg. Jenes inhaltlich sympathische und radiertechnisch interessante Werk regt viele Zweifel und viele Fragen, aber die polnischen Jurymitglieder sahen hier eine mögliche Erneuerung der Exlibriskunst. Vier ehrenvolle Erwähnungen waren für den Bulgaren Julian Jordanov und drei polnische Teilnehmer: Tomasz Barczyk (mit feinem Werk in Linolschnitt), Celina Kirchner (mit abstrakter, doch auch sehr rhythmischer und daher fesselnder Kleingraphik in Linol) und Karolina Kucharska (mit geometrisch kühlen Gleichgewichtsübungen in zwei‑ und dreidimensionalen Flächen). ‑ Durch ein etwas undurchdachtes und vermutlich flüchtig redigiertes Reglement hat der erste Gniezno-Wettbewerb für ein paar feste Knoten gesorgt. Viele Elemente der Uneinigkeit in der Jury waren eine Folge des unglücklichen Zusammenbringens von Kleingraphik und Exlibris. Dies sind zwar zwei verwandte, doch inhaltlich und dem Gebrauch nach so sehr unterschiedliche Welten, dass es zu einer Kollision kommen musste. Einerseits ist man deshalb nicht geneigt diese beiden Sorten der Graphik in Wettbewerben gegenüber einander zu stellen, doch andererseits kann eine Ausstellung von Kleingraphik und Exlibris sich gegenseitig befruchtend beeinflussen. Die mit guten Absichten beseelten Veranstalter werden aus den ersten Erfahrungen ihre Konklusionen ziehen. Sie werden wohl verstanden haben, dass Exlibris und Kleingraphik eine getrennte Behandlung nötig haben und dass beide auch mit getrennten Preisen ausgezeichnet werden müssen. Auch ein besseres und detaillierteres Reglement ist nötig ‑ Die Reglemente von Ankara und des Intemationalen Exlibris-zentrums von Sint‑Niklaas sind da ausgezeichnete Beispiele. Die in Gniezno angefangene Konfrontation zwischen Kleingraphik und Exlibris ist fesselnd genug damit weiter zu machen. ‑ Wenn man in Gniezno ein 100% passendes Exlibristhema sucht, dann wäre der polnischen Autor Adam Mickiewicz (1798‑1855) eine gute Möglichkeit. Nicht nur weil sein Leben und Werk voller illustrativer Möglichkeiten stecken, sondern auch weil sein Werk sich besonders gut bei den pädagogischen Zielsetzungen des Collegium Europaeums anschliesst. In seinen vor allem romantischen Werken befürwortet Adam Mickiewicz die Freiheit der Völker und hat er sich für die universalen kulturellen Werten aufgeschlossen.