Seine Eigenexlibris spiegeln Evald Okas’ Lieblingsthemen

 

1985 entwarf der estnische akademische Maler und Grafiker Evald Okas ein Eigenexlibris, das des Künstlers Welt in genau der Art zu reflektieren scheint, in der er seine Freude an der Kunst verbal beschreibt, und es manifestiert sich darin wenigstens ein Teil der Quellen für sein Schaffen

 

            Das Exlibris enthält sein eigenes Porträt, das mit kräftigeren Linien dargestellt ist als die umgebenden Themen. Im Hintergrund schweben eine Reihe weiblicher Gestalten herum, an denen man des Künstlers lebhafte Art, solche Figuren zu zeichnen erkennen kann. Ein weiteres charakteristisches Merkmal für Okas’ Stil ist der Text im Bild: „Weibliche Figuren sind meine Lieblingsmotive“, bekennt der Künstler.

 

            Es gibt eine große Schar von Variationen dieser Figuren in den von Okas gefertigten Exlibris. Einige sind in leichte Tüll-Stoffe gekleidet – andere sind völlig nackt. Durch eine einfache Zeichnung, durch einige simple Linien pflegt er oft alles, was er zu sagen hat, auszudrücken. Allerdings hat Okas in den Exlibris, die verschiedene Kleider im Lauf der Geschichte abbilden, durch wechselnde Schattierung endlose Variationen geschaffen. Die gleiche Ausdrucksform charakterisiert auch die Buchzeichen, die als Folge seiner Reisen nach Japan entstanden.

 

            Okas ist während seiner Laufbahn als Künstler viel gereist. Dies kann man in seinem gesamten künstlerischen Werk sehen, nicht nur bei den Exlibris.

 

           Im Buch ‘Eksliibris ja Evald Okas’ von Villem Raam (veröffentlicht 1986) findet man eines der Okas-Exlibris von1985. Darin skizzierte er das Profil seiner in Exlibris dargestellten Welt. Im Buch gibt es Exlibris mit Kalevipoeg, dem Helden des Estnischen Nationalepos, mit Variationen weiblicher Figuren, die etwas Bedeutendes ausdrücken. Unglücklicherweise, sagt Okas, ist das Buch vergriffen.

 

 

Auch wenn es als Geschenk gemacht wird, das Exlibris ist immer ein Kunstwerk

 

         Das Exlibris ist alles in allem nur ein schmales Fenster in die gesamte Produktion eines Künstlers. Okas sagt, er habe mehr als 3.000 Exlibris geschaffen, kann sich aber an die genaue Zahl nicht erinnern. Er hat kein Register seiner Exlibris angelegt. Der größte Teil seiner Produktion ist mit den traditionellen Mitteln der Grafik entstanden, aber einige seiner Buchzeichen sind handgezeichnet – ein Verfahren, sagt er, das er sehr schätzt.

 

           Er berücksichtigt die Wünsch der Person, die das Exlibris in Auftrag gibt. Wenn er allerdings ein Buchzeichen als Geschenk fertigt, lässt er seiner Einbildungskraft freien Raum. Er möchte, dass es ein Kunstwerk wird.

 

Wenn das Exlibris von einem Musiker bestellt wurde, enthält es wenigstens ein Element, das sich auf Musik bezieht. Ebenso, falls es für einen Arzt ist, wird etwas Berufsspezifisches einbezogen. „Ich pflegte oft ein Buchzeichen als Geschenk zu fertigen, und dann kann ich es so machen, wie ich gern möchte. Ich habe sogar Buchzeichen so groß wie ein Buch gemacht – ich denke, das Buch verdient es, ein Kunstwerk zu enthalten“, behauptet der Künstler.

 

           Der Exlibrissammler Kalevi Aalto aus Vantaa, Finnland, besitzt Okas’ Exlibris Buch und hat ein einzigartiges Exlibris darin: Okas hat es in das Buch hineingezeichnet. Für den Sammler ist das ein besonderer Schatz. Okas ist sein Freund und das Buchzeichen passt zu einem seiner Lieblingssammelthemen. Auch hier wieder ist das Motiv auf dem Exlibris eine weibliche Figur. Es wurde 1989 gezeichnet.

 

            Okas entwarf auch ein Exlibris für Kalevi Aalto, welches Kalevipoeg abbildet. Könnte es sein, dass der gewöhnliche Vorname die Inspiration abgab? Aalto ist nicht der einzige Finne, der sich ein Exlibris von Okas hat machen lassen. Der Künstler sagt, er habe Hunderte von Exlibris für Finnen gemacht, aber die Mehrheit seiner Buchzeichen wurde für Esten geschaffen.

 

            Okas fertigte sein erstes Exlibris 1932. Aus irgendeinem Grund folgte eine Pause, aber der Künstler kehrte später zu den Buchzeichen zurück. Während er an der Kunstakademie Tallin lehrte, schuf er neben seinem Job Werke der Kleinkunst, und Buchzeichen passten da vortrefflich dazu.

 

           Unter seinen Schülern fand er freundliche, die seine Entwürfe bereitwillig druckten. Allerdings waren diese Tausende von Bücherzeichen bis zur Druckphase ausschließlich von Okas gefertigt. Er zeichnete, machte Skizzen und radierte die Metallplatte.

 

           Laut dem Künstler ist Zeichnen eine unerlässliche Bedingung, um dem Fertigen von Bildern individuelle Qualität zu verleihen. Er drängt junge Studenten zu zeichnen, selbst nachdem sie es bereits getan haben. Er hebt selbst winzige Stücke Papier auf, um etwas zum Zeichnen zu haben.

        

 

Gefühle in jeden Pinselstrich

 

         Okas glaubt, dass bereits ein einziger Pinselstrich am Tag als Schlüssel für einen Künstler dienen könne, einen schöpferischen Prozess zu beginnen, vorausgesetzt er legt Gefühl hinein. Schon ein flüchtiger Blick auf Okas’ eigene Schöpfungen verrät, dass sie einen starken emotionalen Gehalt haben – auch wenn dieser gelegentlich ehr vorsichtig zum Ausdruck kommt.

 

   Im Herbst  2005 hatte der Künstler eine retrospektive Ausstellung seiner Gemälde in Tallinn. Gleichzeitig war es die Festausstellung zu Ehren seines 90. Geburtstags. Als der Künstler sich für ein Foto vor ein neueres Gemälde stellte, wählte er zufällig ein Gemälde mit einer äußerst gefühlvollen Szene. Das Gemälde zeigt die Revolution.

 

  Man konnte die wirkliche Bandbreite unterschiedlicher Gefühle bei einem Rundgang durch die Ausstellung erfassen. Was man ebenfalls spüren konnte, waren die gesellschaftlichen Veränderungen, aber auch die Art, wie der Künstler dem Menschen als Mittelpunkt Respekt zollt. Eine der Wände war voll von kleineren Gemälden, etwas, das an Exlibris gemahnte.

 

  Die schöpferische Kraft ist nicht irgendwohin weggegangen, sagt der Künstler, es ist nur die Sehschärfe, die geringer geworden ist. Das macht es nicht leichter mit kleineren Formaten zu arbeiten, die Genauigkeit verlangen. Er konnte in seinem Studio ein bläuliches Gemälde vorweisen, und natürlich gab es auch auf diesem Bild eine Frau.

 

 

Große Gemälde in kleinen Abschnitten

 

         Okas hat eine Werkstatt in einem Haus im Zentrum von Tallinn, das der Estnischen Künstlervereinigung gehört. Dort arbeitet er immer noch täglich. Um die Wahrheit zu sagen, er hat auch ein Studio zu Hause, aber es ist so mit seinen Bildern vollgestopft, dass es zum Malen kaum geeignet ist.

 

           Dort jedenfalls machte Okas sein acht Meter langes Gemälde über die Revolution, allerdings in Abschnitten. Um in der Lage zu sein, sie zusammenpassend zu machen, musste er sie von Zeit zu Zeit hinaus auf die Straße tragen, damit er das ganze Bild sehen konnte. In der Ausstellung sieht man, dass auch auf diese Weise ein Gemälde entstehen kann.

 

            Okas hat auch früher schon größere Gemälde gemacht. Als Beispiel erwähnt er die Arbeit an der Decke des Estnischen Theaters, die die gemeinsamen Anstrengungen von drei Malern erforderte. Okas ist der einzige Überlebende dieses Trios. Das Deckengemälde schließt einige Portraits ein. Menschen sind in seinem Werk reichlich präsent: Okas stellte ein Bild aus, in das er die Gesichter von hundert Personen hineinmalte. Er selbst ist darunter, ein Gesicht in der Menge.

 

           Man muss sich fragen, wann der Künstler die Zeit hatte, all diese Exlibris herzustellen, selbst wenn man berücksichtigt, dass sein aktives Künstlerleben sich über mehrere Dekaden erstreckt. Ein Frage, die man sich stellen mag, ist, welche Zukunft die Exlibriskunst in seinem Heimatland haben wird. Exlibris gibt es in der Bildlandschaft Estlands in so geringem Ausmaß, dass Neuankömmlinge sie mit Mühe finden werden. „Junge Künstler interessieren sich nicht für Exlibris. Meine Schüler machen immer noch welche, aber viele von ihnen sind inzwischen in Rente“, sagt Okas.

 

  Was Künstler angeht, scheint ihr Pensionsalter sich erheblich von dem gewöhnlicher Menschen zu unterscheiden. Für Okas scheint es keine Grenzen für sein Schaffen zu geben. Seine schöpferische Kraft ist ungebrochen, obgleich seine Künstlerlaufbahn in die 1930er Jahre zurückreicht.

 

 

Leila Lehtiranta

 

Englische Übersetzung: Juha Lehtiranta            

Deutsche Übersetzung: Heinz Decker